
Am Abend des 20. Juli 2026 verwandelte sich die Uferpromenade von Mali Lošinj innerhalb weniger Sekunden in ein Wasserbecken. Cafés und Restaurants an der Riva standen plötzlich unter Wasser, Gäste wichen fluchtartig von den Terrassen zurück. Der Meeresspiegel war binnen Sekunden um rund 30 Zentimeter gestiegen, das Ereignis dauerte etwa 20 Minuten. Größere Schäden meldete die Stadtverwaltung von Mali Lošinj nicht, Berichte über Verletzte gab es keine. Nur wenige Tage zuvor hatte es an der Riva von Stari Grad auf der Insel Hvar eine ganz ähnliche Szene gegeben, dort liefen mehrere Boote im Hafen trocken. Und am 21. Juli prasselte in Rovinj golfball- bis tennisballgroßer Hagel nieder und beschädigte geparkte Autos, ausgelöst von derselben Serie schwerer Gewitterfronten, die in jenen Tagen über die nördliche Adria zog.
Was in Mali Lošinj und Stari Grad passierte, nennen Meteorologen einen Meteotsunami. Kein seltenes Kuriosum, sondern ein an der kroatischen Küste immer wieder dokumentiertes Wetterphänomen, das mit Erdbeben nichts zu tun hat. Wer im Sommer an der Adria unterwegs ist, sollte wissen, was dahintersteckt, ohne sich davon den Urlaub verderben zu lassen.
Ein klassischer Tsunami entsteht durch ein Seebeben oder einen Erdrutsch unter Wasser. Ein Meteotsunami dagegen hat eine rein meteorologische Ursache: Zieht eine Gewitterfront mit einer scharfen Luftdruckänderung über das Meer, drückt oder zieht sie die Wasseroberfläche darunter wie ein Kolben. Normalerweise gleicht sich dieser Effekt schnell wieder aus und bleibt unbemerkt. Trifft die Druckwelle aber mit der richtigen Geschwindigkeit auf eine lang gestreckte, sich verjüngende Bucht, kann sie sich dort aufschaukeln, ähnlich wie Wasser in einer Badewanne, wenn man im richtigen Rhythmus dagegen schwappt. Physiker nennen diesen Verstärkungseffekt Resonanz. Das Ergebnis ist eine kurze, kräftige Welle, die den Wasserstand innerhalb von Sekunden bis Minuten um mehrere Dutzend Zentimeter verändert, in Ausnahmefällen deutlich mehr.
In Kroatien hat das Phänomen sogar einen eigenen Namen: Fischer und Alteingesessene an der Küste sprechen von einer „Šćiga".
Die östliche Adriaküste zählt weltweit zu den Regionen, in denen Meteotsunamis am häufigsten beobachtet werden. Der Grund liegt in der Form der Küste selbst: Viele dalmatinische und istrische Buchten sind lang, schmal und werden zum Ufer hin flacher, geometrisch fast ideal für die beschriebene Resonanz. Dazu kommt die sommerliche Wetterlage. Wenn feuchtwarme Luft über der stark aufgeheizten Adria auf einströmende Kaltluft trifft, entstehen genau jene schnell ziehenden, druckstarken Gewitterlinien, die einen Meteotsunami auslösen können. Diese Kombination aus Küstengeometrie und sommerlichen Gewittern ist der Grund, warum Kroatien in praktisch jedem Jahr über Fälle dieser Art berichtet, meist unspektakulär, gelegentlich wie in diesem Juli mit sichtbaren Bildern von überfluteten Promenaden.
Der bekannteste und bis heute stärkste dokumentierte Meteotsunami an der Adria traf am 21. Juni 1978 die Hafenstadt Vela Luka auf der Insel Korčula Korcula. Die Bucht von Vela Luka ist lang gestreckt und läuft zum Hafen hin trichterförmig zusammen, eine Lehrbuchgeometrie für Resonanzwellen. Wissenschaftliche Auswertungen verzeichnen für Vela Luka eine Wellenhöhe von rund sechs Metern, in der Fachliteratur gilt das Ereignis sogar als möglicherweise stärkster bekannter Meteotsunami weltweit. Binnen zehn Minuten standen die Erdgeschosse der Häuser am Ende der Bucht unter Wasser, danach zog sich das Meer so weit zurück, dass der innere Hafen trockenfiel und die Boote auf dem Grund lagen. Menschen kamen nicht zu Schaden, der Sachschaden wurde jedoch auf rund sieben Millionen US-Dollar beziffert, nach damaligem Wert etwa ein Viertel des Jahreseinkommens der gesamten Insel. Vela Luka gilt seither in der Meteotsunami-Forschung als der Referenzfall für die gesamte Adria, an dem sich auch heutige Ereignisse wie Mali Lošinj oder Stari Grad einordnen lassen: 30 Zentimeter Anstieg wie im Juli 2026 sind damit verglichen ein sehr moderater Ausschlag.
Für Badegäste am Strand ist ein Meteotsunami vor allem eines: ein ungewöhnlicher Anblick, kein Grund zur Panik. Zwei Anzeichen sind es wert, im Hinterkopf zu bleiben. Erstens ein auffällig schneller, unerklärlicher Wechsel des Wasserstands, das Meer zieht sich merklich zurück oder steigt sichtbar innerhalb weniger Minuten, ohne dass Wind oder Wellen das erklären. Zweitens eine heranziehende, klar erkennbare Gewitterlinie mit scharfer Frontkante über dem Meer, oft verbunden mit einem spürbaren, schnellen Druckabfall. Wer beides gleichzeitig beobachtet, verlässt am besten ruhig den unmittelbaren Uferbereich und Hafenanlagen, bis der Spuk vorbei ist, meist eine Sache von Minuten.
Für Skipper gilt das in verschärfter Form, weil eine Meteotsunami-Welle in Kombination mit den begleitenden Sturmböen zur echten Gefahr werden kann. Wetterfronten, die einen Meteotsunami auslösen, bringen fast immer auch Orkanböen mit sich, im Juli 2026 wurden in Südistrien und auf Lošinj Werte von bis zu 32 Metern pro Sekunde gemessen, umgerechnet rund 115 Kilometer pro Stunde; vor der Insel Unije erlitten dabei mehrere Boote Schiffbruch. Der kroatische Wetterdienst DHMZ gibt für solche Lagen Unwetterwarnungen mit Farbstufen heraus, die sich per App und auf der DHMZ-Webseite abrufen lassen, dazu kommen Warnungen über Seefunk auf Kanal 16. Die Grundregel bei einer solchen Warnung: rechtzeitig einen sicheren Hafen anlaufen, Festmacherleinen und Fender kontrollieren, lose Gegenstände an Deck sichern und Luken schließen. Alles Weitere zum sicheren Bootfahren an der kroatischen Küste findest du auf unserer Seite zum Thema Boot fahren in Kroatien Mit dem Boot anreisen, aktuelle Wetterlagen und Warnstufen für die gesamte Saison auf unserer Wetterseite Wetter und Klima.
So spektakulär die Bilder aus Mali Lošinj und Stari Grad wirken, so klar ist die Einordnung durch Meteorologen: Ein Anstieg um wenige Dezimeter, wie er im Juli 2026 mehrfach beobachtet wurde, bleibt weit unterhalb dessen, was Vela Luka 1978 an Kraft entwickelte, und selbst dieser bisher stärkste bekannte Fall an der Adria forderte keine Menschenleben. Meteotsunamis treten an der kroatischen Küste jeden Sommer irgendwo auf, meist unbemerkt von allen außer ein paar Fischern, gelegentlich mit den auffälligen Bildern, die in diesem Juli um die Welt gingen. Sie sind Teil des sommerlichen Wettergeschehens an der Adria, so wie Bora und Hagelgewitter auch, und kein Grund, einen Kroatien-Urlaub infrage zu stellen. Wer die Wetterwarnungen im Blick behält und bei heranziehenden Gewittern den Uferbereich zügig verlässt, ist auf der sicheren Seite.
Eine Meereswelle, die nicht durch ein Erdbeben, sondern durch eine schnelle Luftdruckänderung bei einer Gewitterfront ausgelöst wird. Trifft die Druckwelle auf eine passend geformte Bucht, kann sie sich durch Resonanz zu einer spürbaren Welle aufschaukeln.
In aller Regel nicht. Die meisten Fälle an der Adria bewegen den Wasserstand um wenige Dezimeter und dauern nur Minuten. Gefährlich wird es vor allem durch die begleitenden Sturmböen der Gewitterfront, nicht durch die Welle selbst.
Der Fall von Vela Luka auf Korčula am 21. Juni 1978, mit einer Wellenhöhe von rund sechs Metern der stärkste dokumentierte Meteotsunami an der gesamten Adriaküste.
Ein plötzlicher, unerklärlicher Wechsel des Wasserstands und eine heranziehende Gewitterlinie mit scharfem Druckabfall sind die beiden Warnzeichen. Wer beides beobachtet, sollte den unmittelbaren Ufer- und Hafenbereich verlassen.
Über den kroatischen Wetterdienst DHMZ per App und Webseite sowie über Seefunk auf Kanal 16. Bei Warnstufe ist rechtzeitiges Einlaufen in einen sicheren Hafen die wichtigste Maßnahme.
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